Die Vögel zwitschern anders in Düdingen – Kilbi Review

Bunte, eigenartige und wilde Vögel feierten drei Tage lang angenehmen Wahnsinn im und rund um's Bad Bonn, unserem Musik Club des Vertrauens.
Da wird auch mal auf der Bühne in Handys gesungen, während die Kollegen fleissig kochen und irgendwelche Zutaten in Klangschüsseln zermantschen: Dubai Sprinters am Freitagabend.

Wow, die Bad Bonn Kilbi ist bereits wieder Geschichte. Doch die Lovestory mit diesem einzigartigen Festival der nicht immer nur massentauglichen Bands hat auch diese Runde ohne Zank überstanden, intensiviert sich damit unaufhörlich und darf auf weitere Momente der Ekstase in der diesjährigen Ausgabe zürückblicken.

Freitag

YAK in Action: Junge, frische, verzerrte Sounds aus der wachen Ecke von England
Wilder Start, sanfter Schluss und vieles Erdenkliche dazwischen

Die im Bild oben gezeigten Briten markierten einen lauten und deutlichen Beginn der Kilbi. Schon viele waren da und nun alle wach!
Von Anfang an fühlt man sich wieder wie Zuhause; keine Clowns im Publikum, weder Tierkostüme noch unbequem schwere, lange Ledermäntel, welche unter der kräftigen Sonne getragen werden...
Wenn dann auf der Hauptbühne ein afrikanischer König mit goldenem Kopfschmuck auftritt, so ist das Teil einer Kultur, welche man sich gerne ansieht und anhört – passt.
Selbiges gilt z.B. auch für die beiden Japanerinnen von Afrirampo, welche in der Kategorie doppel-leichtgewicht den Ring betreten und dann unerwartet heavy gerockt haben.
Da vermochte hingegen die VertreterIn unserer bekannten westlichen Kultur Angel Olsen nicht ganz zu überzeugen – sie brachte irgendwie einfach zu wenig Schwung in ihre Show – im Vergleich zu ihren BerufskollegInnen.

Nach spannenden elektronischen Experimenten wurde man von dem eindrücklichsten Amp-Setup des Abends vom Schlafen abgehalten – ausgerechnet durch die schleppenden, tiefen, aber dafür umso lauteren Riffs von Sleep.

Nicht wenige Festival-BesucherInnen schlenderten dann mit den ruhigeren Hymnen vom Duo Lord Kesseli and the Drums, resp. einer Ansage im Kopf Richtung Zelt: "Our hearts are full of love, are full of hope" – ein Ohrwurm der Extraklasse!

Samstag

KoKoKo! holten aus ihren selbstgebastelten Instrumenten erstaunlich fetten Sound raus.
Der wohl abwechslungsreichste Tag – bis zur Totalen Verwirrung!

Für's Erwachen auf dem angenehm kleinen Camping – bunt gemischt mit älteren und neuen Hippiebussen, kreativen Einrichtungen nebst Iglus und Blachenkonstruktionen – waren nicht besoffene Nachbarn, sonder eher laut zwitschernde Vögel verantwortlich. Man konnte sich problemlos einreden, dass diese – inspiriert durch jahrelang feinst ausgewählte Musik im und um den Club Bad Bonn, auch ein wenig kreativer sounden als anderswo...

In diesem Sinne durfte man dann nach einem erfrischenden Bad im nahegelegenen See auch wieder – wenn auch noch leicht verschoben – ungeniert inspiriert in's Festival droppen, z.B. bei einer punkig-experimentellen Darbietung von Pill. Dass New York gerne Saxophone mag, wissen wir spätetestens seit Fear. Doch dass dieses nicht überall gleich beliebte Instrument auch easy für's Erzeugen von wilden Rückkopplungen eingesetzt werden kann, war für viele neu.

Bei den Mandolin Sisters und Xylouris White standen dann wieder Klampfen im Rampenlicht, welche man hierzulande im Popzirkus eher selten zu Ohr bekommt – im zweiten Fall super eindrücklich gestützt vom australischen Meisterdrummer Jim White.

This Is Not This Heat haben sich selbst neu er-, respektive wieder gefunden.
Vielleicht das Highlight des Abends für rhythmisch interessierte und ambitionierte Musikfreunde: OOIOO

This Is Not This Heat war wohl nicht ganz einfach so abzumischen, dass das Publikum aus diversen Ecken den vielen verschiedenen Instrumenten, dem dröhnenden Bass und Effekten folgen konnte. Doch die Band mit vielleicht gegen 40 Jahre Altersspanne unter ihren Mitgliedern überzeugte auf jeden Fall – unter anderem mit intensiven Chören und fein abgestimmten Einsätzen der beiden Drums.
OOIOO hingegen vermochte anschliessend unbestritten musikalisch zu überfliegen; absolut mind-blowing, wie die vier zarten Frauen ihre Instrumente bedienten in oft schwer nachvollziehbaren Songstrukturen!

Ob dann noch ein Besuch bei Princess Nokia oder The Moonlandingz bevorzugt wurde, blieb Geschmacksache. Letztere verkörperten mit Leadsinger Lias Saoudi – der letztes Jahr noch mit Fat White Family die Kilbi gefeiert hat – wieder Rock'n'Roll pur. Der auf der Bühne nicht nur sympathische Mann wurde noch bis am Montagmorgen in Düdingen gesichtet; er kann zum Glück seine «Rolle» auch immer mal noch teilweise ablegen, was ihm beim Anblick während der exzessiven Show nicht mehr alle zugetraut hätten.

Bei Dengue Dengue Dengue vereinten sich schlussendlich die VerehrerInnen unterschiedlichster Stilrichtung wieder zum kollektiven Tanzen, das bei einigen mit schier unmenschlicher Ausdauer gesegneten Kilbipeople auch noch zu DJ Marcelle's Tunes weiter zelebriert wurde.

Sonntag

Open Air mal anders: Julian Sartorius lädt zum rhythmischen Spaziergang durch Düdingen und verblüfft mit seinen urban Sounds.
Volles Programm zum Dritten

Ein (Klapp-) Velo oder Sk8board als Transporthilfe bei der Anreise und für allfällige Ausflüge in's Dorf haben sich noch meistens bewährt. Heuer ganz speziell, wenn man neugierig geworden ist ob der Ausschreibung im Programm mit Spielort Bahnhof. Da der Andrang gross und die Kapazitäten beschränkt waren, brauchte es für einige BesucherInnen mehrere Anläufe, für dass es bei einem von vier Rundgängen mit Julian Sartorius inklusive Funkempfänger und Kopfhörer klappen durfte.
Wie es sich anhören kann, wenn der begnadete Drummer einzig und allein mit zwei Stöcken unterwegs ist und auf ausgewählten Features wie Mauern, Zäunen, Unterständen und Böden spielt, kannst du in seinem jüngsten Projekt erlauschen.

Zurück in der bösen, elektrisch verstärkten und digital verzerrten Welt vermochten spätestens um 15 Uhr Show Me The Body aus NYC, die letzten verträumten Seelen zu wecken. DISTORTED BANJO GOES RAP-INFECTED HARDCORE-PUNK war die Ansage im Programm, welche wahrscheinlich nur richtig nachvollziehbar wird, wenn man's erlebt hat: Schier ein Spürchen zu hässig als erster Act eines friedlichen Festivaltages, sicher hart aber doch auch fair.

Eine sehr erfreuliche inländische Überraschung: One Sentence. Supervisor

Danach tat der freundliche Auftritt der Schweizer One Sentence. Supervisor doch richtig gut: Mehr Sonntagsfeeling mit sphärischen Songs, viel Hall in heller Stimme und warmen Bässen von unterm Sonnenschrim.
Die strahlenden Gesichter der vier sympathischen Jungs durfte man später auch in der Schlacht ganz vorne im Publikum bei King Gizzard and the Lizard Wizard wieder sehen. Die vielleicht zur Zeit musikalisch angesagtesten Australier haben für uns die pogotauglichsten Songs aus ihrem hyperaktiven und vielseitigen Schaffen zusammengestelt. Vom treibenden Opener «Rattlesnake» über «Robot Stop» und «Gamma Knife» haben sie sämtliche Hits ausgepackt und die meiste Zeit über brutal abgedrückt. Doch zum Schluss gab's nach viel progressivem Punk und orientalisch angehauchten Ausbrüchen auch noch jazzy Tunes zu hören wie glaub Teile von «The River» aus ihrem Album Quarters! zum runterfahren... Vielleicht gut, dass da leider keine Zugabe mehr Platz hatte, trotz minutenlang anhaltendem, frenetischen Applaus.

Anna Meredith und Band: Anders als alles andere!

Dazwischen gespielt, müsste sicher noch Anna Meredith erwähnt werden, welche für eines ihrer unzähligen Projekte hier 100% live gespielte, elektronisch anmutende Musik komponiert und damit das Publikum verzaubert bis zeitweilig leicht verstört hat.
Falls sie dies nicht bei allen ZuhörerInnen geschafft hätte, dann ist dieses Kunststück sicher der Schweizer Truppe Schnellertollermeier gelungen – quasi das Pendant zu dem früher erwähnten japanischen Quartett:
Unheimlich technisch in geschickt arrangierten Songs, bei welchen aber früher oder später auch ambitionierteste MusikerkollegInnen früher oder später Mühe hatten, den unkonventionellen Rhythmen folgen und Schritt halten zu können. Wem es aber zu hochstehend war, der oder die konnte auch einfach den super wuchtigen Sound geniessen, brutal eindrücklich!

Bis zum bitter-süssen Ende: The one and only DJ Fett

Tja, man könnte noch so vieles erzählen von diesem Musikfestschmaus, wofür anscheinend sogar Mastermind und Cheforganisator Daniel Fontana mit mehr Komplimenten denn je überhäuft worden ist.
Nach diesem Erfolg wird man wohl auch in Zukunft mit weiteren Schweizerpremieren und ganz exquisiten Auftritten an der Kilbi und natürlich das ganze Jahr über im Club Bad Bonn rechnen dürfen – die Anlaufstelle hierzulande für Perlen von Bands, welche nicht selten noch auf der kleinen Bühne in Düdingen auftreten, bevor sie ganz gross rauskommen.
So ein Fall könnten auch die nun am Freitag auftretenden Thee oh Sees sein, welche vielleicht nicht ganz zufällig kurz nach der Kilbi spielen; die Truppe hätte noch bestens an's Festival gepasst! Doch mehr als da wieder geboten worden ist, darf man sich doch nun wirklich nicht wünschen.

So oder so:
Am besten die Tonkarte oder gar gleich den MusikPass kaufen, damit man sich keine Sorgen mehr machen muss beim (hektischen) Vorverkauf!

Vielen herzlichen dank an Duex und sein Team, es war einmal mehr unglaublich faszinierend, angenehm, inspirierend – von einfachem, dreckigen Rock über geistige Höchstleistungen bis zu den funky Tunes, welche der legendäre DJ Fett am frühen Montagmorgen über seine Nadeln aus den alten Vinyl Singles gesaugt hat.

Alle Pics von Kesti/ TLF ausser das letzte hier: Foto by Jonathan Winkler © Bad Bonn

Videos von je allen 3 Tagen, viele weitere Bilder und Medienberichte findest du hier.

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VERÖFFENTLICHT 09.06.2017
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