Freestyle erleben, um Freestyle zu vermitteln

Ski/Snowboard J&S Technik Wettkampf Modul in Laax, Wie es war und was man alles lernen konnte.
J+S Leiterausbildung generell

Als Freestyle-Skifahrer kann man nicht gerade behaupten, in der J+S Grundausbildung und der Weiterbildungs 1 Stufe auf seine Kosten zu kommen. Vor allem das Praktische ist hier mehrheitlich auf den alpinen Bereich ausgerichtet, so dass man sich als Freestyler selten wirklich angesprochen fühlt. Geschadet hat diese Tatsache, dass man sich mit den Basics des Skifahrens auseinandersetzt jedoch noch keinem, denn Skifahren zu können ist auch für uns Fundament allen seins. Wer hier nicht sauber arbeitet, wird früher oder später an Grenzen stossen, die dann nicht mehr so leicht zu kaschieren sein werden, geschweige denn zu überwinden. Bei den Snowboardern sieht das ganze glaube ich ein wenig anders aus, und so kommt man hier als Freestyler bereits in den Grundkursen auf seine Kosten. Da ich die Snowboardkurse aber nur vom Hörensagen kenne und nicht von Primärerlebnissen berichten kann, lehne ich mich hier und im Folgenden nicht weiter aus dem Fenster.

Lange Rede kurzer Sinn, ganz anders sieht es bei der Weiterbildungsstufe 2 aus.

Ausbildungsstufen Swissski Freestyle Ski
Weiterbildung 2 von Freestylern für Freestyler

Hinter dem Begriff J+S Kurs Ski/Snowboard Technik Wettkampf Modul verbirgt sich ein fast lupenreiner Freestylekurs, von Freestylern für Freestyler. Seit nun zwei Jahren ist mit Laax auch der dafür geeignetste Austragungsort überhaupt gewählt. Man erlebt in dieser Woche Freestyle, um später Freestyle vermitteln zu können. Wie das nun im Speziellen aussieht, und wie der erste Teil der Nachwuchstrainerausbildung genau von statten lief, werde ich euch im folgenden Bericht mehrheitlich aus meiner Sicht darlegen. Aber soviel sei verraten, wer die Ausbildungsleiter bis hierhin durchhält, wird für alle vorangegangenen Strapazen doppelt und dreifach entschädigt, versprochen.

Neben eigenen Fahr-Fähigkeiten parallel noch die drei B's angewendet

Alles was auf dem Schnee stattfand, und mit vier Tagen war das nicht gerade wenig, diente primär dazu, die eigenen Freestyle-Fähigkeiten zu verbessern, nicht zuletzt im Hinblick auf die beiden Prüfungstage, an denen man auf Piste, Kicker, Pipe und Rails jeweils die gewünschten Darbietungen ablegen musste. Aber der Reihe nach. Plus minus um 9.00 stand man die ersten beiden Tage am Berg und wurde von wirklichen Freestyle-Experten (Corinne Kronig ihrerseits Freestyle-Ski Trainierin an der Sportschule in Brig und Daniel Wieser seines Zeichens Swiss Snowboard Gruppentrainer der Damen + Herren) unter die Fittiche genommen. Gut betreut, hatte man vielfach zu zweit, diverse Schwung-, Sprungformen, Railslides oder Piperuns zu üben, wobei man sich gegenseitig beurteilte, bei Bedarf immer aber auch noch das Expertenurteil einholen konnte. Somit übte man an seinen eigenen Fähigkeiten und im gleichen Zuge beobachtete, beurteilte und beriet man seinen Tandempartner. Die Zeit verging wie im Fluge.

Für mich war es eine sehr interessante Woche, es war spannend, die Jungtrainer kennen zu lernen und mit ihnen Erfahrungen auszutauschen. Ich hoffe, dass sie von diesem Austauch profitieren konnten und ich denke, wir sind auf sehr gutem Weg mit unserer Ausbildung."— Daniel Wieser (Experte für die Snowboarder in dieser Woche aber eigentlich Swiss Snowboard Gruppentrainer der Damen + Herren)
Off-Snow-Training und Videoanalyse mit Alex Hüsler

Während Freestyle-Skifahren wie auch Snowboarden in den Anfängen lediglich auf Schnee trainiert wurde, bestehen die Disziplinen mittlerweile auch aus gezielten Off-Snow-Trainings wie Skaten, Inlinen, Trampolinen, Wasserschanze, Krafttraining und so weiter. Der Mittwoch Morgen stand ganz im Zeichen des Off-Snow-Bereichs wobei der Fokus auf dem Skaten, Inlinen und Trampolinen lag. Alex Hüsler, Verantwortlicher Freeski-Trainer an der Sportmittelschule Engelberg, spielte mit uns eine Trampolintrainingseinheit in der Freestyle-Academy in Laax durch. An konkreten Beispielen konnte man erfahren, wie man auch in diesem Bereich Verbesserungsvorschläge an die Trainierten bringt und es wurde vermittelt, wie man denn nun ein Jahr Trampolintraining im Nachwuchsbereich gestalten könnte, um auch in diesem Genre ein ideales Freestyle-Fundament aufzubauen.

Am Mittwoch Nachmittag, ging es dann um die Formentwicklung auf Kicker, Rail und Half-Pipe, oder für alle verständlich, darum, welche Tricks man beherrschen sollte, bevor man den nächsten machen kann. Für den sw double 9 wäre dies zum Beispiel der sw cork 5 und so weiter. Anhand von Videobeispielen wurde nochmal konkret auf Lernphasen von mittlerweile bekannten Namen wie Luca Schuler, Andri Ragettli oder Kai Mahler verwiesen und auch die Eigenheiten ihrer jeweiligen Trickausführungen verglichen. Als ganz wichtig empfand ich, dass man jedem Athleten seinen individuellen Gestaltungs-Freiraum lässt solange der Trick funktioniert. Luca macht alle Flats flächer als zum Beispiel Andri, aber bei beiden funktionieren sie. Also bei allen Lehrbuchvorgaben ein wenig Fingerspitzengefühl walten lassen. Zum Schluss widmete man sich noch komplexeren Tricks und diskutierte Stärken wie auch Schwächen gezeigter Beispiele. Es war ein äusserst lehrreicher Tag mit vielen konkreten Beispielen, mindestens dann, wenn man sich darauf einliess.

Videoanalyse mit Alex Hüsler- Raphael Aubry rechts
Donnerstag + Freitag Prüfungstage

Was man am Montag und Dienstag gelernt hatte, musste man Ende Woche vorführen. Es galt am Kicker den 360 in alle vier Drehrichtungen zu zeigen, am Rail/Box zwei Basicslides auf beide Seiten, einen Half-Pipe Run mit Basic Air, Air-to-Fakie, 360 und Alley Oop und dann doch noch auf der Piste zu zeigen, dass wir das Kurzschwingen und Switch-Carven im Schlaf beherrschen. Im Idealfall konnte man da überall die Note 4 abstauben, hat aber niemand geschafft, mindesten bei den Skifahrern nicht.

Kriterien für Praxis und Theorieprüfung
Nicht nur Praxis

Die ganze Woche bestand aber nicht nur aus Friede Freude Eierkuchengaudi, sondern auch aus intensiven Theorieblöcken, bei denen diverse Konzepte über mehrere Stunden am Tag vorgestellt und in den Gruppen diskutiert wurden. Konkret hiess das, vor dem Skifahren, nach dem Skifahren und nach dem Nachtessen, Ohren spitzen. Aber nicht nur Vorträge und Gruppenarbeiten fanden in den Theorieblöcken statt, sondern auch zeigte uns Dani Wieser zum Beispiel wie man denn nun ein Board wachst, die Kanten korrekt schleift und wo man sie dann auch bewusst wieder bricht, um ein ideales Freestyle Gerät unter den Füssen zu haben. Konkret auf den Slopestyle-Ski angewandt heisst das, Ski senkrecht an Wand stellen, vom Berührungspunkt der Kante mit der Wand eine Handbreite Richtung Bindung die Kante wieder brechen und auf der ganzen Länge unter der Bindung ebenfalls, damit man auch anständig railen kann. Bei dem Pipe-Ski und dem Snowboard reicht erstgenanntes. Hättet ihr das gewusst? Das Ganze ist aber auch hier wieder sehr individuell, und der Fahrer sollte selber entscheiden, wie starke Kanten er gerne letztlich haben möchte, und wo genau sie gebrochen werden sollten. Da wir aber als Trainer und nicht zu Servicemännern ausgebildet werden, wurde geraten, die Fahrer ihre Skis und Snowboards selber präparieren zu lassen.

Auch wenn viel Theorie dabei war, selten war es ein Schuss in den Ofen, denn vielfach konnte man dann einen Tag später im Schnee bereits darauf zurückgreifen oder mindestens blieb einem wie denn jetzt das Fahrgerät idealerweise präpariert werden sollte.

Schleiffvorstellung von Daniel Wieser
Donnerstag-Abend Theorieprüfung

Die Klausur bestand nicht nur aus einem Praxistest, sondern auch aus einer Theorieprüfung. Bereits am Dienstag bekamen Skifahrer und Snowboarder jeweils zehn Videos, bei denen man gemeinsam herausarbeiten musste, was gut und was weniger gut an dem Trick war und was für Inputs man dem Fahrer geben könnte, damit die Ausführung das nächste Mal noch besser glücken würde. Dies wurde dann am Donnerstag per Zufallsprinzip einzeln überprüft und hier lag meiner Meinung nach für jeden, der am Kurs teilnahm grosses Lernpotential. Die Videoanalyse ist schlicht und einfach aus unserem Sport nicht mehr wegzudenken.

Resümee

Motiverte Experten und Gastredner, sowie eine vordergründig lupenreine Organisation, führten mit echtem Fachwissen und diversen Praxisbeispielen durch die rappelvolle Woche, ohne auch nur einmal zu hetzen. Als Teilnehmer erlebte man, dass die Symbiose von Theorie und Praxis in einer Schneesportwoche doch mehr als gut funktionieren kann, und wie man sich anscheinend ganz nebenbei persönlich als Trainierter, aber mindestens genau so viel als Trainer, weiterentwickeln konnte.Laax war bezüglich Authentizität dieses Kurses der wohl denkbar beste Ort, denn wo sonst kann man dem Nicky Keefer kurz mal eben das Morgenessen vor der Nase weg stibitzen? Darin ist jetzt aber nicht der Grund zu suchen, warum der Nicky es bei den European Freeski Open, die ebenfalls in dieser Woche stattfanden, nicht ins grosse Finale geschafft hat. Er hat dann eben einfach die nächste Portion Frühstücksflocken verspeist.

Neben diesen "Hinter den Szenen" Kontakten in der für ein Lager generell feudalen Unterkunft (Riders Palace), waren die 1A Verpflegung (Riders Palace, Morgen, Rundrestaurant am Crap, Mittag, Camino, Abend) und die grosszügigen Theoriesäle nicht nur billige Beilage. Also das ganze drumherum hätte besser nicht sein können. Zum Park braucht man glaube ich nichts zu sagen.

Auch die Chemie der Gruppe stimmte, man tauschte sich in der wenigen Freizeit über Erfahrungen aus, die halt jeder so gemacht hat bezüglich Wintersport oder auch nicht, und dass der Kurs mit Ski und Snowboardern stattfand, war meiner Meinung nach eine Bereicherung, von der beide Seiten profitierten und so beibehalten werden sollte.

Kurz und knapp mit Abstand das beste J+S Lager, an dem ich je teilgenommen habe und auch am meisten profitieren konnte. Wer's nicht glaubt, kann sich gerne selber für das nächste Jahr anmelden, wenn es wieder verspricht was es heisst, nämlich ein Freestyle Lager für Freestyler zu sein.

Wie andere Teilnehmer die Woche empfanden, könnt ihr den Zitaten unten entnehmen. Viel Spass beim Übersetzen, und damit meine ich nicht nur den französischen Text.

Formation technique freestyle à Laax, nous avons passé une semaine avec un très bon météo une neige idéale pour le freestyle et des snowparks pour tous les niveaux d'apprentissage et toujours bien shapé. Nous avons eu pas mal de théorie, c'était intéressant de mettre les bons mots sur les mouvements pour permettre de mieux enseigner notre sport aux jeunes. Nous avons aussi fait des exercices basique sur piste pour représenter une arrivée sur un kicker ou alors pour simuler un half pipe. Les examens étaient très intéressants car nous avons du sortir de notre zone de confort car il a fallu faire les 360 dans les 4 sens. Nous avons aussi pu découvrir la freestyle academy et nous avons pratiquer des exercices de base sur les trampolines. Le bol intérieur pour la pratiqué du roller ou du skate est vraiment super! Laax est "the place to be" pour le freestyler. Nous avons très bien logé au Rider Palace avec un très bon petit déjeuner. Midi et soir nous avons toujours assez et très bien mangé. L’encadrement était très bien, les experts connaissent bien leur sujet."— Raphael Aubry auf Französisch (übrigens der erste Half-Pipe Schweizermeister ever)
Es hed mär sehr güät gfallu, d'Atmosphäru isch supär gsi! Miär hed öi sehr güät gfallu, dass fa afang a klar kommuniziärt isch wordu, was wenn wiä gmacht wird und das wär das öi so plus minus hei chänu machu. Witär isch där Standort mit Laax supär gwält gsi (öi wenn sehr abglägu) und öi där chlei abstächär in dfreestyle acadamy hani sehr sinnvoll gfunu, obwohl dasmu da väli nu meh trainingsiheitä und wenigär theorie heni chänu machu..."— Andreas Schelling halt uf Walliserdialekt, kes Problem oder?
Ja im Grossa und Ganze hanis e super Wucha gfunda,Technisch wie au Theoretisch/ Methodisch. Mr hett en grossa Stellawert uf Usfüahrig vode Tricks gleit und wie mr de Athlet cha korrigiera und druff hinwiese wie ers schönt besser mache, au s'Indoor Training hani guat gfunda und es isch sicher e guati basis für all Trainer im Freestyle-Sport."— Pascal Perret, Arosa, liechte Bündnerdialekt
VERÖFFENTLICHT 01.04.2015
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