Der Review BCA Float 22

Die aufstrebenden «Lawinenretter» aus den Rocky Mountains

In den letzten Jahren hat kein anderes Ausrüstungsgegenstand in der Freeride-Branche einen derartigen Boom erlebt wie der Lawinenairbag. Auch wenn er das essentielle Equipment wie Lawinenverschüttetensuchgerät, Schaufel, Sonde, eine gute Lawinenausbildung und den gesunden Menschenverstand keinesfalls ersetzt, so kann er diese Ausrüstung ergänzen und ein weiteres Tool darstellen, das im Ernstfall eines Lawinenabgangs eure Überlebenschancen erhöhen kann.

BCA Float 22 mit Gaskartusche

Auch wenn in der Schweiz noch nicht so weit verbreitet wie andere grosse Anbieter, mischt die Firma Backcountry Access (BCA) aus Boulder (Colorado) seit 1994 kräftig im Geschäft der Schnee-Sicherheitsprodukte mit. Unter anderem bei den Lawinenairbags mit ihrer erfolgreichen Float Linie, die Airbags mit verschiedenen Packvolumen von 22 bis 42 Liter, für verschiedenste Verwendungszwecke bietet. Wir hatten die Möglichkeit das 22 Liter Modell BCA Float 22 für einige Zeit beim Freeriden und Touren auf Herz und Nieren zu prüfen.

Herausnehmbares Airbagsystem

Die Airbag

Bei einer Lawinenverschüttung ist die Bergezeit der mit Abstand wichtigste Faktor der über Leben oder Tod entscheidet. Wie bei allen Airbagsystemen ist das Ziel, durch eine Erhöhung des Auftriebsvolumens bei der Auslösung des Airbags, eine Totalverschüttung zu verhindern. Bereits als sichtbares Zeichen an der Oberfläche stellt der Airbag für die Kameradenrettung einen bedeutenden Zeitgewinn im Kampf gegen den Lawinentod dar und im absoluten Glücksfall kann sich die betroffene Person sogar selber aus der Lawine befreien. Als Auftriebskörper dient beim BCA Float 22 ein einzelner Airbag mit einem Volumen von 150 Litern, der durch normale Pressluft innert 3 Sekunden aufgeblasen wird. Der Airbag zeigt sich im gängigen Reckteckshape der auch bei anderen Herstellern verwendet wird. Gefüllt befindet er sich hinter dem Kopf, was zusätzlich den empfindlichen Kopf- und Genickbereich schützen sollte. Das ganze Airbagsystem lässt sich mit relativ einfachen Handgriffen aus dem Rucksack entfernen, falls ihr den Rucksack mal ohne benützen möchtet. Nach einer Auslösung lässt sich der Airbag sehr einfach wieder in sein Fach zurückfalten und durch den Reissverschluss verschliessen. Dieser Reissverschluss verfügt an der Oberseite des Rucksacks über einen kleinen Abschnitt, dessen Zähne nicht ineinandergreifen und wo der Reissverschluss aufgerissen wird wenn sich der Airbag zu füllen beginnt. Auch wenn der Reissverschluss stabil genug hält um ein versehentliches Aufreissen zu verhindern ist dieser «zahnlose» Bereich zusätzlich durch eine Velcro-Lasche gesichert.

Auslösehandgriff verstaut und ready for (hopefully never) action

Der Auslösemechanismus

Ausgelöst wird der Airbag mechanisch über einen Draht, der an der Pressluftkartusche angeschraubt werden muss. Man sollte sich beim «scharf machen» des Airbags doch kurz konzentrieren um nicht aus Versehen beim Einschrauben an der Schraube zu ziehen, bevor die darüberliegende Schutzkappe aufgeschraubt ist, die das verhindert. Auch wenn euch die Lacher der anderen Zugfahrgäste mit dieser kleinen Showeinlage sicher sind, führt kaum jemand eine Ersatzkartusche mit sich und der Airbag ist schon am Bahnhof zum normalen Rucksack degradiert. Der Auslösegriff befindet sich fix in der linken Schultergurte und kann bei Nichtgebrauch einfach und sicher unter dem Reissverschluss verstaut werden. Durch die runde, voluminöse Form lässt sich der Auslöser auch mit Fausthandschuhen gut fassen und ziehen.

Verbindung des Airbags zur Gaskartusche und die mit Vorsicht zu behandelnde Schraubverbindung des Auslösedrahts (mit noch nicht aufgeschraubter Sicherung)

Die Gaskartusche

Im eigens dafür bereitgestellten Fach im linken unteren Teil des Rucksack-Hauptfachs befindet sich gut fixiert und geschützt die Auslösekartusche für den Airbag. Diese ist beim BCA Float 22 mit normaler Pressluft gefüllt, wie sie auch bei Tauchflaschen oder Paintballpistolen zur Anwendung kommt. Somit kann nach einer Auslösung die Kartusche entweder bei einem Refill Center wieder aufgefüllt werden oder es steht die Möglichkeit zu Verfügung, die Gaskartusche austauschen zu lassen (in der Schweiz bei der K2 Niederlassung in Baar). Zusätzlich kann die Auslöseeinheit mit dem entsprechenden Adapter und den bereitgestellten Guidelines von BCA in jedem Tauchshop aufgefüllt werden. Das bringt den Vorteil, dass Reisen sich mit dem BCA Float 22 einfach gestaltet. Die leere Gaskartusche kann im eingecheckten Gepäck, mit den entsprechenden Papieren, die den Gebrauchszweck der «Bombe» ausweisen, ohne Probleme mitgeführt und am Zielort eurer Powderträume wieder aufgefüllt werden.

Aussenfach für Schaufel und Sonde

Das Innenleben des Rucksacks

Der Rucksack bietet neben einem grossen Hauptfach ein äusseres Fach für euer Sicherheitsequipment, ein kleines Innenfach für Schlüssel und Portemonnaie sowie eine sehr geräumige Tasche am Hüftgurt. Im Hauptfach teilt sich euer Stuff den Platz mit der Gaskartusche, die sich gut versorgt in einer Tasche mit Sichtfenster für das Ablesen des Luftdrucks befindet, dem Airbag der oben in seinem eigenen Fach Platz findet und den Verbindungsschläuchen für das Airbagsystem, die gut geschützt hinter einer Klappe versteckt sind. Trotzdem bleibt im Hauptfach genügend Platz sogar für alles nötige Material, das man für eine Tagestour braucht (Splitboard-Harscheisen, Felle, kleine Thermosflasche, verklemmte Brötchen, Schokolade, wärmende Primaloftjacke, Stirnlampe, Goggle und ein paar Kleinigkeiten wie Geld und Natel). Das Aussenfach für die Notfallausrüstung bietet genügend Platz für Schaufel und Sonde, ausser ein paar zusätzlichen Kleinigkeiten hat sichs damit dann aber auch. Sehr hilfreich ist die gross geschnittene Tasche am Hüftgurt. So ist die kleine Kompaktkamera immer griffbereit und auch ein Schokoriegel findet zusätzlich in Reichweite Platz.

Hauptfach des BCA Float 22

Die Aussenseite

Das Äussere des BCA Float 22 ist sehr schlicht gehalten. Was als erstes auffällt sind die fehlenden Straps zur vertikalen Snowboardbefestigung, was den eigentlichen Verwendungszweck des BCA Float 22 als minimalistischen Airbag für das Freeriden in Skigebieten (oder für die privilegierten im Cat / Heliski Resort) unterstreicht. Bei BCA ist zwar ein Aufsatz erhältlich, der über der Rückenpolsterung einfach eingebaut werden kann und eine horizontales Tragen des Boards ermöglicht. In gewissen Situationen ist dies jedoch eher ungünstig oder man wäre einfach nur froh seine Jacke schnell mal auf dem Rucksack befestigen zu können, weil der Aufstieg doch härter oder die Fitness schwächer ist als angenommen. Das Problem lässt sich für kurze Abseilstrecken oder ähnliches beheben, indem man mit Reepschnur und den vorhandenen Schlaufen, die für das Helmbefestigungssystem gedacht wären, kreativ wird. Wie stabil das Ganze ist sei dahingestellt, aber vor allem stellen die fehlenden Straps ein Defizit für Leute dar, die sich mit Schneeschuhen und Board auf dem Rücken in unverspurte Hänge aufmachen wollen. Für die gleichgesinnten Powdersüchtigen aus der Spaghettifraktion bietet der BCA Float 22 ein eingebautes diagonales Ski-Carry System, das sogar mit dem Splitboard einigermassen gut funktioniert.

Diagonales Ski-Carry System – für Snowboards leider nicht wirklich praktisch
Gut gepolstert und bequem – Rücken und Schultergurte

Gemütlicher Tragekomfort

Der BCA Float 22 gehört zu den leichtesten Lawinenairbags auf dem Markt (2kg ohne Gaskartusche, 2.5kg mit gefüllter Gaskartusche) und trägt sich trotz des anatomisch eher simpel gehaltenen Rückens auch über einen ganzen Tag sehr bequem. Durch die robust wirkenden Metallschnallen hält der Hüftgurt fest und sicher und die Schnallen lockerten sich auch bei Tomahawks nicht merklich. Zusätzlich beinhaltet der Float 22 eine Beinschlaufe, die sehr einfach am Hüftgurt befestigt werden kann und auf jeden Fall getragen werden sollte, um zu verhindern, dass im Falle eines Lawinenabganges der Schnee euch den Rucksack schlichtweg über den Kopf wegreisst. Die Schultergurte sind bequem gepolstert und breit genug um ein Einschneiden auch bei längerem Tragen (trotz Zusatzgewicht wie Board auf dem Rücken) zu vermeiden. Als einziger Nachteil sollte hier erwähnt werden, dass der BCA Float 22 lediglich in einer Grösse/Rückenlänge erhältlich ist. Bei einer Grösse von 1.80m und durchschnittlichem Körperbau passt der Rucksack perfekt, jedoch sollten vor allem schmalschultrige oder kleinere Personen sich vor dem Kauf vergewissern ob die Passform auch für sie stimmt, was ja bekanntlich Geschmackssache ist.

Fazit

Der BCA Float 22 ist durch sein Preis-Leistungsverhältnis sehr attraktiv, gehört er doch zur eher günstigeren Fraktion der Lawinenairbags, ohne dass dabei auf qualitativ hochwertige Verarbeitung verzichtet wurde. Die 22 Liter Version sollte vor allem von Leuten in Betracht gezogen werden, die auf der Suche sind nach einem Lawinenairbag für das liftbediente Freeriden mit kurzen Hikes in Skigebieten oder Tagestouren mit dem Splitboard. Der BCA Float 22 ist leichter als die meisten Konkurrenzmodelle seiner Grösse und wir empfanden den Tragekomfort als hervorragend. Lediglich die beschränkten Befestigungsmöglichkeiten aussen am Rucksack sind ein Detail, das leider etwas vergessen ging. Eine Einführung solcher Befestigungen würde den ansonsten tollen Lawinenairbag für Traditionalisten, die ihr Board gerne vertikal auf dem Rücken tragen, oder für Touren noch attraktiver machen. Wer auf der Suche nach etwas voluminöseren für längere Touren oder mehr Platz für Kamera etc. ist, sollte mal ein Auge auf die grösseren Float Modelle werfen.

VERÖFFENTLICHT 18.03.2015
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